Der erste Satz: Wie fange ich an - Gastbeitrag von Tanja Steinlechner

Tanja Steinlechner ist Autorin, Lektorin und Gründerin der Berliner Autorenschule Schreibhain.

“Im Schreibhain unterstützen wir Autoren nicht nur in ihrer handwerklichen Weiterentwicklung, sondern schaffen Vernetzungen mit der Branche und fördern eine gegenseitige Feedbackkultur, in der kreatives Arbeiten erst möglich wird.”

 

Fotocredit: Angela Erdmann

Kennen Sie das? Sie befinden sich, sagen wir, es ist kurz nach Mitternacht, auf dem Weg von der S-Bahn nach Hause. Sie stecken die Hände in die Manteltasche, so kalt ist es, und Sie haben die Handschuhe auf dem Tresen zurückgelassen, zusammen mit einem Zettel. Eine Nachricht für die Fremde. Die Nacht birgt das Unbekannte, der Eiswind frisst an Ihren Haaren und Ihre Schritte hallen auf dem Asphalt wider, erzeugen Rhythmus. Sie gehen schneller, es ist gar zu kalt, und mit Ihrem beschleunigten Schritt nehmen die Bilder Fahrt auf.

Die Fremde ordert einen Moscow Mule, ihr Getränk zur abgetragenen roten Lederjacke, ihrem Bleistiftrock und ihren unsteten Augen, auf der Suche nach Grenzen, die sie zum Fallen bringen werden. Ihr Blick streift den Fremden, der eine Leere in sich trägt. Er ist ihr Mann. Unterdessen knüllt sie einen Zettel zu einem undefinierbaren Ball zusammen und stopft ihn in ihre Jackentasche. Sie ahnt nicht, dass er gegen das leise Stampfen einer Beatmungsmaschine antrinkt, gegen das Aufbrechen des Morgens, solange bis die Töne leiser werden, sich der Schmerz nicht mehr fassen lässt und sich im Rauschen der Zeit verliert.

oder

Manchmal streift uns das Wissen um die richtige Entscheidung auf einer Spur, die wir nicht gelegt haben. Der Duft der Fremden, der dich an eine Begebenheit erinnert, an zarte Hände und einen Blick, der versprach, dich umfangen zu halten, und dann eintauchte in den Strom der Zeit, während du ihn fortwährend suchtest. Dein Herz hämmert gegen die Brust. Du steigst an der nächsten Haltestelle aus, du wirst sie nicht warten lassen. Schwimmen gegen die Zeit. Du folgst einem Impuls, der dich in die Bahn gegenüber steigen lässt, schwankst durch eine Nacht mit vollem Mond über Schöneberg und dein Gehen ist kein Gehen mehr, es ist Bestimmung. Wie du die Tür öffnest und die Fremde lehnt am Tresen und du bleibst vor ihr stehen.

 

Der kreative Prozess

Alternativszenarien würfeln in Ihrem Kopf um die Wette. Schreibende wissen, es geht nicht darum, Ideen zu finden, Spuren aufzunehmen oder Szenen für die sich stapelnden Bilder im Kopf zu finden, vielmehr gilt es, eine Auswahl zu treffen. Wie entsteht aus einer Nachtträumerei ein fesselnder Anfang für eine Story, die sich zu einer Kurzgeschichte, einer Erzählung, einem Roman entwickeln wird? Was passiert, während Sie im Kopf Was-wäre-wenn-Szenarien schreiben und später Wortströme auf Papier fließen lassen? Ein Steinbruch aus Erinnerung und Möglichkeit, Sie fügen Details hinzu und erweitern Ihr Leben um eine neue Komposition. Im Erfundenen sind Sie bei sich auch wenn Sie gar nicht vorkommen. Sie fallen in Träume und Ihre Finger bewegen sich von ganz allein.

 

Vom Autor zum Leser oder die Verheißung der Reduktion

Geschichten wachsen mit ihrer Leserschaft. Wie aber wissen Sie, welcher Anfang und letztlich welche Geschichte das Potential dazu birgt, Ihr Publikum zu erreichen? Ein erster Indikator ist, ob sich Ihre Idee in Ihnen festzusetzen vermag, zunächst ganz unabhängig von einem Markt oder etwas von außen an Sie Herangetragenem. Gibt es Figuren, die nach Ihnen greifen, Räume, die erforscht werden wollen, eine bestimmte Atmosphäre, die von ihnen ausgeht? Mein erstes Beispiel, Sie erinnern sich an die Fremde auf der Suche nach Entgrenzung und den Mann, dessen Frau im Sterben liegt, definiert im ersten Absatz ein Thema: Liebe und Sterben. Wie kann menschliches Leben – trotz oder gerade mit dem Wissen um Sterblichkeit – gelingen? Zwei Figuren, zwei Versuchsanordnungen, zwei Entwürfe. Auch im zweiten Beispiel, so scheint es, dreht sich alles um die Liebe. Obwohl in der Form einer Liebesgeschichte gedrechselt, geht es vielmehr um Schicksal und Geworfensein. Fragen Sie sich, ob Ihr Thema zu Ihrer Erzählstimme passt, ob Form und Inhalt eine Einheit bilden. Gerade Anfänger verarbeiten oft zu viel im ersten Roman und berauben so Kerngedanken ihrer Bedeutung. Reduktion ist hier das Mittel der Wahl.

 

Tipps

Finden Sie Abstand zu Ihrem Projekt. Wenn Sie wieder an ihren Text herantreten, nach einer traumlosen Nacht, und im Aufbrechen der Dämmerung Ihren ersten Satz noch genauso packend finden wie gestern, wenn Sie vergessen, dass es Sätze sind, bloß Worte die Klänge definieren, wenn Sie einem inneren Film folgen und darüber aus dem Auge verlieren, dass Sie selbst diese Welt geschaffen haben, dann sind Sie auf dem richtigen Weg.

Schreiben Sie erste Würfe, kümmern Sie sich nicht um logische Brüche, hinterfragen Sie die Satzstellung nicht und nicht die Motivation Ihrer Figuren. Lassen Sie sie handeln, getrieben sein, stürzen Sie sich in die Flut der Bilder. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie später die Hälfte streichen, nur Passagen bleiben oder einzelne Worte. Trauen Sie sich, Anfänge gegeneinander zu montieren, sie miteinander verschmelzen zu lassen, sie zu erweitern. Das Schreiben selbst führt Sie und Sie haben einen lebendigen Materialkörper geschaffen. Es schmerzt, ihn auszuhöhlen, aber genau das ist die Arbeit. Was ist überflüssiges Beiwerk und verstellt den Blick? Steigen Sie spät genug in die Szene ein und früh genug, so dass der Leser Ihnen folgen kann? Die richtige Balance zwischen Leerstellen und Details entfachen Interesse.

Oft lassen sich erste Absätze ersatzlos streichen. Die Arbeit war nicht umsonst, der Autor musste sich einschreiben, der Leser seine Arbeit aber nicht nachvollziehen. Er soll eintauchen dürfen in Gerüche, Klang und Atmosphäre, in Stil, Welt und Fragezeichen. Werfen Sie ihn nicht aus Ihrem Stoff, weil er Ihrem Arbeitsprozess mitlesen muss.

Vielleicht stöbern Sie in Buchhandlungen und beobachten sich selbst, welche Romananfänge Resonanzräume in Ihnen öffnen? Sie sind Versprechen auf ein geheimes Wissen, auf Schmerz, Liebe und Glück. Wenn der Alltag im Gleichschritt tönt, locken sie mit der Verheißung einer Geschichte, in der zwar gelitten und gestorben wird (zumindest symbolisch), die sich aber folgerichtig entspinnt. Keine Halbherzigkeiten, die nicht abgestraft wird, keine Mutlosigkeit, die nicht Entwicklung fordert. Wo sind Sie selbst im Buch, kommen Splitter von Ihnen darin vor? Und nicht zuletzt: Welcher Erzählstimme vertrauen Sie sich an? Wenn Sie darauf eine Antwort kennen, wissen Sie auch, wie Sie Ihren Anfang schreiben wollen.

Es kursieren so viele Tipps, was zu beachten ist, wenn es um Romananfänge geht: Welche taugen und welche nicht und – wie immer – gibt es, auch in der Weltliteratur, zig Gegenbeispiele. Was also tun? Nehmen Sie all die Regeln in sich auf, folgen Sie ihnen, verwerfen Sie sie, wenn nötig, aber erst wenn Sie verstehen, wozu sie taugen, schreiben Sie Variationen, finden Sie Ihre eigene Werkstatt. In der Brechung liegt Schönheit, aber erst wenn Sie wissen, mit was Sie brechen. Lassen Sie sich von Ihrer Lust am Klang, am Spiel treiben. Liegt ein Versprechen in Ihrem ersten Satz, im ersten Abschnitt? Baut sich Spannung auf? Kann Ihr Leser das Thema – sowohl in der Form als auch in der Handlung – erspüren? Finden Sie kompetente Erstleser und last but not least: schreiben Sie.

Der Gastbeitrag “Der erste Satz: Wie fange ich an” von Autorin Tanja Steinlechner ist in unserem kostenlosen Whitepaper zum Thema “Buch schreiben” erschienen. Das Whitepaper können Sie sich hier gratis herunterladen:

 

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24.01.2019 zuletzt geändert am: 25.01.2019 • epubli
Kategorien: Gastbeitrag, Inspiration, Schreibtipps,
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