Tatort Bücherregal – Über die Faszination Kriminalroman

Ein Gastbeitrag von Saskia Funke

Welche Merkmale sind typisch für einen Kriminalroman? Unsere Gastautorin Saskia Funke ist fasziniert von der Vielseitigkeit des Genres. In diesem Beitrag erzählt sie, was diese Romane von anderen literarischen Gattungen unterscheidet und wie Sie einen guten Kriminalroman schreiben. 
 

The hype is real: True Crime ist angesagt wie nie, ob als Podcast, Reportage, Zeitschrift oder Dokuserie. Dabei ist die Lust an Verbrechen und Entertainment durch (fiktive) Kriminalfälle schon immer alltagstauglich, und zwar vor allem in Form von Kriminalromanen. Doch woher kommt die Krimiliebe und warum fühlen sich Leserinnen und Leser von Krimis so angezogen und gut unterhalten? Diese Frage kann sicherlich aus mehreren Blickwinkeln und mithilfe verschiedener Wissenschaftszweige beantwortet werden. Ich möchte mich dem Thema im Folgenden mit eine literaturwissenschaftlichen Überlegung nähern und einen Vergleich zu anderen Genres anstellen.

Realitätsflucht als Leseintention – Krimi und Fantasy

Warum lesen wir gerne Kriminalromane?Während der Fantasy-Literatur früher oder später (meist früher und oft abwertend) die Funktion des Eskapismus unterstellt wird (was natürlich nicht haltbar ist, denn wie könnte eine Story, und sei es die beste Fantasy-Story der Welt, bei jeder und jedem Leser*in die gleiche Reaktion hervorrufen), wird nach den Gründen für die Vorliebe für die Kriminalliteratur seltener gefragt.
Eskapismus, also Realitätsflucht, wird durch die oftmals schillernd bunt beschriebenen und mit übernatürlichen Elementen bestückten Fantasywelten begünstigt. Außerdem kann das eskapistische Moment der Fantasy auch in einem archaisch wirkenden Setting begründet liegen. Hier wird der Wunsch nach einem einfacheren Leben transportiert oder auch die Möglichkeit einer andersgearteten Realität.

Die Frage nach dem „What if …“

Die Frage nach dem „What if …“, die vermehrt auch in einem anderen Genre der Phantastischen Literatur auftaucht, nämlich in der Science Fiction, ist es, die viele Fantasy-Autor*innen in ihren Romanen stellen (und beantworten). Was wäre, wenn die Menschen auf einem anderen Planeten als der Erde leben würden? Wären die Lebensumstände anders, wäre die Gesellschaft, das Leben, die Menschen verändert? Vielleicht sogar besser?
„Es muss nicht so sein, wie es ist.“ Das hat Ursula K. Le Guin in ihrem gleichnamigen Essay als wichtigste Aussage der Fantasy benannt. Und dennoch wirkt ein Weltentwurf (z. B. eine Sekundärwelt) auf jedes rezipierende Individuum verschieden und könnte niemals eine Realitätsflucht der gesamten Leser*innenschaft verursachen. Allzu Reales hingegen wird in Kriminalromanen dargestellt und dennoch erfreut sich dieses Genre größter Beliebtheit. Tolkien benennt die Flucht (escape) als eine der vier Funktionen der Fantasy, meint damit aber weniger die Realitätsflucht als den Widerstand gegen Alltägliches. Die Flucht ist in der Erfüllung von Sehnsüchten durch die in der Fantasy dargestellten Welten zu verstehen.

Kriminalromane üben eine besondere Faszination ausDie Aufklärung: Eine weitere Funktion der Fantasy ist laut Tolkien der Trost, und zwar durch einen glücklichen Ausgang. Für die Rettung aus ausweglos scheinenden Situationen prägte er den Begriff der ‚Eukatastrophe‘. Übertragen auf den Kriminalroman könnte dieser als die Aufklärung eines Verbrechens oder gar die Rettung eines Opfers interpretiert werden. Die ermittelnden Figuren nehmen dabei die Rolle von Held*innen und Retter*innen ein. Ihrem Kampf gegen das Unrecht und ihre Rache für zugefügtes Leid, die teilweise in der Aufgabe des eigenen Privatlebens gipfeln (Jussi Adler-Olsens Carl Mørck, Stephen Kings Bill Hodges und Harlan Cobens Myron Bolitar sind da nur die, die mir spontan einfallen), sind ihre Herkulesaufgabe. Finden Krimileser*innen Beruhigung im Wissen, dass es Heldinnen und Helden gibt, die unermüdlich für das Gute kämpfen? Denn auch wenn sie dabei nicht immer ganz konform mit geltendem Recht agieren, sind sie doch immer bestrebt, für das Gute einzustehen und handeln natürlich auch mit den allerbesten Absichten und vor allem im Sinne einer (subjektiven) Gerechtigkeit.

 

Hauptsache spannend – Krimi und Detektiv*innengeschichten

 

 

Weitere Argumente, derer sich die Leser*innenschaft bei der Erklärung für die Krimivorliebe häufig bedient, sind die sympathische und unterhaltsame Ermittler*innenfigur und die Spannung. Hier wird es meiner Meinung nach notwendig, den Kriminalroman in seinen Unterschieden zur Detektiv*innengeschichte zu betrachten, denn genau dieses Genre bedient die beiden angesprochenen Aspekte wie kein anderes.

Der Unterschied zwischen Krimi- und Detektiv*innengeschichten

Die Unterschiede zwischen Krimi und Detektiv*innengeschichte sind dabei theoretisch so klar benennbar, wie sie in der Anwendung verschwimmen. Die klassische Erzählstruktur eines Kriminalromans besteht in der chronologischen Betrachtung eines Verbrechens (in den allermeisten Fällen ein Mord oder andere schwere Verbrechen). Die Handlung setzt dabei vor der Tat ein. Deutlich wird also, dass in Krimis (und so ist es auch bei nahezu allen True-Crime-Formaten) nicht nur das Verbrechen, sondern auch die Verbrecher*innen in den Mittelpunkt der Betrachtung rücken. Opferperspektiven und auch die Ermittler*innenfigur werden angerissen allerdings immer in Verbindung mit den Täterinnen und Tätern betrachtet. Die Detektiv*innengeschichte wartet hingegen mit einem Aspekt auf, den man als Stammbesetzung umschreiben kann. Diese besteht aus Ermittler*in bzw. Detektiv*in und einer begleitenden Figur. Weiterhin kommen Vertreter der Polizei, Opfer und Täter*innen zum Einsatz.

DetektivromanDer Tathergang: Auch der Detektiv*innenroman stellt ein Verbrechen in den Fokus (hier wird wahlweise ein Mord oder auch geringere Verbrechen wie das Entwenden eines zumeist wertvollen oder wichtigen Gegenstandes thematisiert). Trotzdem ist nicht das Verbrechen der Schwerpunkt der Detektiv*innengeschichte, sondern dessen Aufklärung, also die Lösung des Rätsels. Um auch den Rezipierenden dieses Rätsel aufzugeben, setzt die Handlung der Detektiv*innengeschichte erst nach der Tat ein. Die Handlung besteht zum Großteil in Gesprächen (oder Verhören bzw. Befragungen) und Hinweisen, die das „Miträtseln“ anregen jedoch nicht ermöglichen, da auch falsche Fährten gelegt und verschlüsselte Hinweise gegeben werden, die erst nach der Aufklärung der Tat verständlich werden. Ein Hauptbestandteil des Kriminalromans sind Einblicke in den Tathergang (teilweise in die Planung), Tatmotive und die inneren Vorgänge des oder der Täter*innen. Anders ist das bei der Detektiv*innengeschichte, die den Tathergang und die Motive erst nachträglich rekonstruiert und damit die Chronologie aufbricht.

 

Warum lesen manche Menschen also lieber (oder sogar ausschließlich) Krimis?

Ist es der Genuss der Tatsache, dass es „den anderen passiert“? Dieses Urteil über die versammelte Krimileser*innenschaft zu fällen, es wie einen Eimer der Morbidität über ihr entleeren zu wollen, kann wohl zu Recht als haltlos und ungerechtfertigt zurückgewiesen werden. Aber vielleicht ist es Neugier? Neugier an Dingen, die den allermeisten von uns nie passieren. Oder kann eine Form der Katharsis angenommen werden? Das Krimilesen könnte somit als Ersatz für das empfinden von Angst im Alltag interpretiert werden.

Geschichten zum Fürchten – Krimi und Horror

Warum lesen die Menschen gerne Stephen King?Stephen King thematisiert in der Einleitung zu “Nachtschicht”, einer seiner Kurzgeschichtensammlungen, das Thema Angst. Er berichtet davon, dass ihm die Frage, warum er gerade Horrorgeschichten schreibt und die Menschen diese so gerne lesen, sehr häufig begegnet. King erzählt in seinen Romanen und Kurzgeschichten hauptsächlich von Monstern, Dämonen und übernatürlichen Szenarien. Eine der wenigen Ausnahmen bildet die Bill-Hodges-Serie. Vor allem der Auftakt der Reihe, “Mr Mercedes”, ist ein Kriminalroman, der neben dem Täter auch das Thema Schuld sehr differenziert und ausgiebig beleuchtet. Und genau das macht deutlich, warum er für seine Horrorgeschichten bekannt ist. Denn nicht Vampire und Werwölfe, die des Nachts auf der Suche nach ihrem nächsten arglosen Opfer umherstreifen, sind es, die uns die größte Angst einflößen. Die menschlichen Abgründe, das monströseste Ungeheuer, das wir in der Lage sind, uns zu erdenken, wird hier in der Unerbittlichkeit des Tageslichts betrachtet.

Es zeigt sich also, dass die Vorliebe für Kriminalromane durch verschiedene Aspekte begründbar ist. Deutlich wird jedoch auch, dass diese Voraussetzungen auch von anderen Genres erfüllt werden, der Krimi sie allerdings in sich zu vereinen scheint.

Saskia Funke

Saskia Funke ist Texterin und Lektorin aus Leidenschaft. Auf ihrem Blog thematisiert sie die verschiedenen Aspekte und vielfältigen Genre der Phantastischen Literatur.
lektoratfunke.blogspot.com
instagram.com/saskiafunke.lektorin

 
 
 
 
 


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16.06.2021 zuletzt geändert am: 16.06.2021 • epubli
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